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Interview Silke Thoss mit Marcia Farquhar.
Hamburg, den 24. Februar 2005

Wir haben uns 1993, also vor ziemlich langer Zeit, an der Siade School of Art in London kennen gelernt. Damals hast du aufwändig gearbeitete, skulpturale Objekte hergestellt. Mit Performance hattest du überhaupt nichts zu tun, oder?

Nein!

Nein also du warst dort ein Jahr und bist dann wieder in deine Heimatstadt Bremen zurückgegangen. Danach hörte ich, dass du mit einem DAADStipendium wieder nach London gekommen bist, um am Chelsea College of Art & Design deinen Master in Skulptur zu absolvieren. Ich kam zu deiner Abschlussausstellung und entdeckte dich in einem Wohnwagen auf dem Parkplatz der Kunsthochschule. In einem Wildlederrock mit Fransen hast du Lieder gesungen über Jesus. Wie kam denn diese wunderbare Verwandlung zustande?

Naja, als ich dieses Mal nach London kam, hatten sich die Dinge verändert. Ich wusste schon vorher, dass ich es satt hatte, all diese Objekte herzustellen. Irgendwie wollte ich etwas mit Performance machen, aber ich wusste noch nicht so recht wie. Ich fing an, Akkordeon zu spielen, und produzierte gar keine Kunst mehr. Irgendwann hatte ich ein Gespräch mit Nigel Rolfe, der in Chelsea unterrichtete, über meine Arbeit, die ja nicht zu sehen war, und er fragte mich “Was machst Du denn so?” “Akkordeon spielen.” Er war gleich interessiert und sagte: “Das ist ja toll, mach das!” Er hat mich wirklich unterstützt und sagte: “Dass du hier an einer Kunsthochschule bist, ist völlig egal. Nutze einfach deine Zeit. ” Er hatte selber bei den Virgin Prunes mitgemischt und sagte, ich solle Aufnahmen von meiner Musik machen. Zu der Zeit fing ich dann an, Songs zu schreiben, und das hat mir tatsächlich einen Kick gegeben. Jemand erzählte mir, dass es gar nicht teuer wäre, eine Single in Vinyl zu pressen und ich dachte: “Ja, das mach ich!”

Ich nahm also zwei Songs auf, die ich zusammengeschrieben hatte, “His Name is Jesus” und “Look in My Eyes”, und es war sehr aufregend! Zuerst dachte ich daran, nur eine Kopie der Platte anfertigen zu lassen, als Skulptur sozusagen. Typisch Kunsthochschuldenken. Aber alle meinten, es wäre doch Quatsch und ich solle doch mindestens 50 machen lassen. Also wurden es 50. Durch das Akkordeon kam eine Art von Country Musik heraus. Ich begann mich mehr damit zu beschäftigen, kaufte Platten von Hank Williams und so

Und diese Plattensammlung führte dann zur Geburt deines neuen Alter Ego?

Na/a, durch die Country Musik kam die Idee, mit dem Wohnwagen durchs Land zu reisen. Die romantische Vorstellung vom Reisen durchs ländliche Amerika wurde durch die Songs und Stories inspiriert. Das war schon immer ein Traum von mir. Ich habe es geschafft, einen Caravan außerhalb von London aufzutreiben, und dann stand er endlich auf dem Parkplatz vom College. Ein Typ hatte ihn gebracht und ich habe ihn gekauft. Ich erfand diese Person “Silky Toss”, die dazugehörte. Auf den Namen kam ich, weil die Engländer meinen Namen nicht richtig aussprechen konnten und es ungefähr so klang, wenn sie es versuchten. Am Anfang war mir mein Name etwas peinlich. Ich probierte noch eine zeit¬lang Thoss mit englischem “th’ aber das klang für Deutsche ziemlich albern. Irgendwann dachte ich: “Scheiß drauf, ich benutze diesen Namen und gebe ihn der Person, die auf der Platte Silky Toss singt’ Ich skizzierte ihre Charakterzüge und ihre Art zu leben: eine Frau, die im Wohnwagen ein Rock ‘n’ Roll Leben führt.

Was ich am Wohnwagen auf dem Parkplatz der Kunsthochschule interessant fand, war seine Positionierung in Bezug auf die Institution: halb drinnen, halb draußen. Er schien eine besondere Funktion zu erfüllen, bzw. du auf dem Parkplatz.

Oh ja, es war Sommer und wir befanden uns im Niemandsland in London, da gab’s eigentlich gar nichts. Wir hatten eine kleine merkwürdige Kantine, aber es gab kein Café oder so und plötzlich war der Caravan da und alle Leute kamen vorbei. Es war auf einmal ein Treffpunkt. Ich habe mich die ganze Zeit mit Leuten unterhalten, das war super. Ungefähr ein Drittel der Studenten waren Engländer, der Rest kam aus aller Welt. Es war ein tolles Jahr, eine sehr freundliche Atmosphäre und nicht dieses Konkurrenz Gerangel. Der Wohnwagen startete einen Prozess und ich musste an Beuys’soziale Skulptur denken, ich dachte: “Wow, das ist doch hier die soziale Plastik, toll!”

Du erwähntest, dass dich deine Situation als Ausländerin unter Ausländern (Fremde unter Fremden?) in London ziemlich umgehauen hat, zumal du ja aus einer Kleinstadt kamst und hier ziemlich viel um dich herum passierte. Mir erschien es, als hättest du dir eine intime, familiäre Situation in der Fremde geschaffen. Eine Art von Gemeinschaft, die sich um den Wohnwagen versammelte. Und diese Gemeinschaft hast du dann auch nach Bremen mitgebracht.

Es war ein echt tolles Jahr mit vielen neuen Freundschaften. Als ich zurück in Deutschland war, lud ich einige dieser Freunde zu der Ausstellung “Adhocracy” ein wobei ich die Teilnehmer nicht nach ihren Arbeiten auswählte, sondern Freunde einlud. Ich dachte, dass vielleicht sechs Leute nach Bremen kommen würden, doch am Ende waren es auf einmal 18. Eine Riesengruppe, die sich eine Woche in Bremen aufhielt es war Energie pur
soziale Plastik eben und am Ende sind tolle Arbeiten entstanden.

Ich weiß, ich war ja glücklicherweise dabei. Mich interessiert der soziale Aspekt deiner Rolle als Kuratorin. Ich habe dich besonders in Silky’s Big Shit Show, deinem letzten großen Event, nicht nur als Künstlerin, sondern auch als eine Art Katalysator wahrgenommen. Siehst du dich selbst auch so?

Die Big Shit Show war wirklich ein Projekt, bei dem ich alle meine künstlerischen sowie musikalischen Erfahrungen kombinieren und dann noch Leute einbinden konnte, die ich entweder durch die Kunst oder das Musikmachen kennen gelernt hatte. Die Big Shit Show, zu der ich diese Leute einlud, war dann so eine Art Freakshow oder
Revue, so wie man sich diese reisenden Varietés vorstellt, mit mobiler Band, Quacksalbern, Entertainern und so weiter. Ich habe für jeden Akt große Werbebanner in Jahrmarktmanier gemalt. In der Halle gab es eine Installation, die an ein Zirkuszelt erinnerte, mit gemalten Kulissen, Orchestergraben; ein geschlossenes Konzept also. Die Orchestermitglieder trugen riesige Scheißhaufen auf dem Kopf.
Die ehemaligen Lagerhallen des Tor 47 im Güterbahnhof wurden komplett verwandelt.
Es ist nämlich so, dass meine Freundin, Marion Bösen, einige Gebäude des ehemaligen Güterbahnhofs aufgetan hat, während ich in London war.

Der Güterbahnhof ist eine ehemalige Güterabfertigung gleich beim Hauptbahnhof. Der Ort faszinierte mich. Es gab dort auch einen Ausstellungsraum und ich dachte, wenn ich dort ein Atelier mieten könnte, gäbe es jede Menge Möglichkeiten für Projekte. Adhocracy, die Ausstellung, die du schon erwähntest, fand ja auch dort statt.

Ich habe dann mit Alexandra Weile ein Gastatelier organisiert. Wir konnten so Künstler nach Bremen einladen, die am Ende ihres Aufenthalts eine Ausstellung machten. Dafür haben wir Gelder aufgetrieben, um Leute für sechs Wochen bzw. zwei Monate einzuladen. Nicht viel, aber genug um die Reisekosten und Material zu erstat¬ten. Dadurch konnte ich dann auch einige der Leute einladen, die ich in London getroffen hatte, und sie so einbinden.

Wen zum Beispiel?

Zum Beispiel Saskia Oldewolbers und Reverend Beat Man, der in Bern auf seinem Plattenlabel die Watzloves Platten herausbringt. Dann noch Kat Aellen und Robert Butler, die im Bereich Druckgrafik und Grafikdesign arbeiten.
Beat Man hat am Ende seiner Zeit eine Musik Show präsentiert, in die er auch Bremer Musiker involvierte. Er wiederum hatte Renate Wünsch mitgebracht, die hier ein unglaublich tolles Kirchen Bühnenbild anfertigte. Diese Arbeit hat mich und viele andere sehr beeindruckt. Es gab also eine Mischung aus Künstlern und Musikern, alles Leute, die ich bei meinen eigenen Konzerten oder durch meine künstlerische Arbeit kennen
gelernt habe und mit denen sich eine Vertrautheit aufgebaut hatte, weil wir ähnliche Vorstellungen von Kunst und Musik teilen und von dem, was man machen müsste

In Silky’s Big Shit Show hast du all diese unterschiedlichen Leute zusammengebracht und sie wurden Teil deiner eigenen Arbeit. Wir haben schon darüber gesprochen, dass hier verschiedene Aspekte zusammenkamen: Skulptur, Malerei, Live Musik, die Scheißhaufen Kappen, dein Brautkleid für eine fette Braut, die ganze Installation mit pink farbenen Glitzervorhängen, das Foyer mit den Fahnen, die soziale Plastik. Trotzdem meinst du, dass es aber auch Leute gab, die nicht kapiert haben, um wessen Arbeit es sich letztendlich handelte.

Ja, einige Aspekte waren für mich im Nachhinein ziemlich enttäuschend, nachdem ich so viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt habe. Eine Frau von der Bremer Kulturbehörde meinte doch tatsächlich, dass ihr nicht klar sei, was ich da eigentlich gemacht hätte. Kannst du dir das vorstellen? Nach der ganzen Arbeit?

Aber kann man diese Reaktion nicht auch als Zeichen dafür sehen, dass deine Arbeit funktioniert? Bei der es nicht um Autorenschaft ging? Auf ziemlich magische Weise war doch etwas passiert, etwas, das schwer zu benennen ist, etwas schwer Fassbares nicht dass ich damit sagen will, dass man deine Rolle bei dem Ganzen nicht klar herausstellen sollte. Inhaltlich hast du ja schon einen Bezug zur Freakshow angesprochen
Was hältst du von der Einschätzung, dass deine Arbeit Geschmacksregeln verletzt, ein gewisses Schockmoment beinhaltet oder sich darin gefällt

Das war von Anfang an so und ist wahrscheinlich durch meinen persönlichen Hin tergund zu erklären. Mein Vater macht gern anzügliche Witze, wenn sich die Familie versammelt, so zwischen schmutzig und schockierend, und jeder lacht darüber, aber man denkt wahrscheinlich: ‘Oh je, eigentlich sollte ich darüber wohl nicht lachen’ Das ist irgendwie Familientradition.

Anfangs war es für mich eine Art Herausforderung, die Leute zu schockieren. So nach dem Motto: “Wenn ich das hier zusammenbastele und dann noch was anderes hinzufüge, sieht es echt ekelig und abstoßend aus.” So schuf ich eine Reihe von Horrorkabifletten mit lauter absichtlich unangenehmen Objekten. Wenn dann Leute geschockt waren, hat es mich gefreut. Besonders, wenn sie sagten “Das ist ja schrecklich, das will ich ‘mir nicht ansehen” und dann wie die Kinder doch genau hinsahen. In meiner Anfangszeit an der Hochschule für Künste Bremen konnte ich beobachten, wie Leute es nicht schafften, nicht hinzusehen. Auf diesen Aspekt, der viel mit Unterhaltung zu tun hat, habe ich reagiert. Ich sah, dass ein Spiel zwischen mir und dem Publikum möglich war und dass dieses Spiel direkte Reaktionen hervorrief.


Dein Wunsch zu unterhalten ist also anscheinend gepaart mit der Lust zu provozieren.

Ja, oder mit beidem zu spielen. Wenn ich etwas mache, was aggressiv aussieht, heißt es ja nicht, dass ich aggressiv bin. Das ist doch ganz einfach, es geht um ein Spiel, Du kannst z. B. Leute mitnehmen auf eine Reise, indem du anfängst, ihnen eine Geschichte zu erzählen, und plötzlich haust du ihnen aber in die Fresse. Der Schock passiert erst, wenn er nicht erwartet wird, und vielleicht ist das die Herausforderung. Vielleicht ist dieses Spiel nicht so einfach, weil es immer ein riskanter Versuch bleibt, ein Sprung ins kalte Wasser, und wenn du Pech hast, gab es kein Wasser im Becken. Manchmal äußerst du vielleicht einen Gedanken zu laut und musst ihn dann auch verteidigen, was schwierig sein kann, wenn du feststellst, dass du dich zu schnell geäußert hast. Aber gerade das macht das Spjel aufregend: Jetzt habe ich es gezeigt oder gesagt und was passiert jetzt? Vielleicht gar nichts, vielleicht wirst du angegriffen oder merkst, dass sich Leute von dir angegriffen fühlen.

Es ist also eine Art Konfrontation durch
Kommunikation, damit fängt es immer an.
Ich würde dich auch noch gern zu deiner ziemlich subversiven Rolle als Handlungsreisende befragen. Ich denke da an den Bauchladen, mit dem du auf Ausstellungseröffnungen auf
tauchst

So fing ich mit der Malerei an. Ich war total pleite und hatte überhaupt keine Lust, einen Fabrik/ob anzunehmen. So kam ich auf die Idee, meine eigene Fabrik zu eröffnen. Eine Bilderfabrik. Heute finde ich es sehr spannend, mir diese ersten Bilder anzusehen. Vorher hatte ich ja gar nicht gemalt und die Bilder waren stark beeinflusst von DM Bob, der seine wunderschönen und witzigen Bilder, die er auf Sperrholz malt, sehr billig verschleudert. Diese Bilder machen Leute glücklich, jeder kann sich so ein Bild leisten. So etwas wollte ich auch machen. Also baute ich einen Bauchladen und malte diese kleinen Bilder, die ich billig auf Ausstellungseröffnungen verkaufte. Manchmal bekam ich sehr feindliche Reaktionen, einmal wurde mir z. B. ein Aschenbecher nachgeworfen. Aber viele Leute kamen auch zu mir und fanden, dass ich der beste Teil der Ausstellung sei
Die Idee funktionierte also und ich habe alles verkauft. Irgendwann riefen dann sogar die Künstler an, um mir Bescheid zu sagen, dass sie eine Eröffnung hätten, und fragten mich, ob ich nicht mit dem Bauchladen vorbeikommen will. Aber das wollte ich dann nicht. Ich wollte selbst entscheiden, wann und wohin ich gehe. Ich arbeite mit dem Publikum bei großen Eröffnungen. Ich gehe einfach hin und

Kurz gesagt, du kommst nicht, wenn du eingeladen wirst.

(Lacht) Ja, jedenfalls nicht mit dem Bauchladen.